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2011. dec. 8.

Adele Schopenhauer: Nach dem Abschied (1821.)

In meinen Ohren klingt noch immer
Der leise Ton der lieben Worte;
Der klaren Augen stiller Schimmer
Umstrahlt noch die bekannten Orte,
Den festen Druck der treuen Hände -
Ich fühl' ihn noch - die alten Wände
Umfassen Dich mit ihrem Rahmen,
Und unwillkührlich ruf' ich Deinen Nahmen!
- Und wie Du ganz noch hier geblieben
In meinem Sinn, in meinem Lieben,
Kann ich die Wahrheit noch nicht fassen:
Hast Du denn wirklich mich verlassen?

Adele Schopenhauer: Der Blick

Zu einer Erzählung gehörend, die aber nachher anders
geschrieben, wodurch das Gedicht weggelassen wurde.

Du siehst mich an! - Ein unbegreiflich Irren
Hält meinen Blick, - will mir das Herz verwirren!
Ein bunter Pfeil durchfliegt die klare Luft,
Ein Farbenflor verhüllt die Welt in Duft.
Der Himmel wird ein flammend Meteor,
Und überall dringt Zauberklang hervor,
Leis, wie der West, wie Millionen Glocken
Mit höchster Kraft verwirrend mich zu locken.
So wechselnd rasch mir Qual und Lust zu geben,
Bald flammend heiß, durchdringend all mein Leben,
Bald eisig starr zum Todten mich zu wandeln -
Unfähig nun zum Denken, Sprechen, Handeln,
Löst all mein Wesen sich in diesem Blick -
Da siehst Du fort - Besinnung kehrt zurück!
Zum Tode matt, will ich mich Dir entziehen
Und folge Dir, und meine, Dich zu fliehen.

Adele Schopenhauer: An die Nacht

O stille Freundin Du! O wortlos ernste Nacht!
Nimm meinen lauten Schmerz in Deine Mutterarme!
Verhüll' mein müdes Haupt in Deiner Schleier Pracht,
Daß dieses starre Herz in Thränenthau erwarme.
Zeig' mir Ihn fern im Traum, erwecke heiß'res Sehnen -
Die harte Wirklichkeit nahm mir den Trost der Thränen.

Des Tages Forderung und seiner Fragen Qual,
Sie bleiben, fern gebannt, in weitem Kreise stehen -
Und frei von fremdem Zwang erhebt zum erstenmal
Die Seele sich empor, will weithin rückwärts sehen
Dorthin - wo sie geglaubt, dem Tod sich hinzugeben,
Und ach! so tief geirrt! sie gab sich hin - dem Leben!

Adele Schopenhauer: In deiner Seele klarem Leben (1823.)

In deiner Seele klarem Leben
Da ruht mein wahres Glück allein,
Die Ferne kann mir Freude geben,
Mit Dir nur kann ich selig seyn.

In Deines Geistes raschen Flügen
Trägt leicht das schwere Leben sich -
Das Andre kann mir wohl genügen -
Du nur allein befriedigst mich!

Aus Deiner Liebe tiefen Quellen
Strömt eine Kraft, die mich erhebt,
Auf deren lichtumsäumten Wellen
Mein Lebensschiff vorüberschwebt!

Adele Schopenhauer: Könnt' ich einmal, einmal nur

Könnt' ich einmal, einmal nur
Deine klaren Augen sehen!
Still wollt' ich dann weiter gehen
Und das Leben wieder lieben,
Keine Wolke sollte trüben
Mir der hellen Sterne Spur.

Könnt' ich einmal, einmal nur,
Wie Du Dich mir hingegeben,
So Dein ganzes klares Leben
Einmal noch in's Auge fassen
Still' wollt' ich Dich dann verlassen,
Nicht mehr folgen Deiner Spur!

Könnt' ich einmal, einmal nur
Dir mein ganzes Lieben sagen!
Niemals wollt' ich wieder klagen -
Und von all' dem heißen Sehnen
Sollten weder Wort' noch Thränen
Jemals zeigen eine Spur.

Adele Schopenhauer: In Jena (1826.)

Vater! der Himmel mit seiner Weite
Bleibt unerreichbar! - ich höre Dich nicht!
Frag' ich die Nacht mit dem Sternengeleite,
Frag' ich des Tages hellrosiges Licht!

Vater! Die Erde mit all ihren Banden
Hat mir die Seele mit Ketten umringt -
Vater! Dein Wille - er bleibt unverstanden,
Dich zu erfassen dem Streben mislingt!

Alle die Kräfte der Seele und Sinne,
Die Du zum Leben - zum Handlen geschenkt,
Wanken und Irren - und nirgend gewinne
Ich den Gedanken, der deutlich Dich denkt!

Blind ist mein Auge, mein Herz mir entfremdet,
Todt alles Wollen und dunkel die Welt -
Haltlos zu Dir meine Seele sich wendet:
Zeige Dich Licht, das die Nächte erhellt!

Zeig' Dich! und müßtest den Tod Du mir zeigen -
Zeig' Dich! und zeigtest die Hölle Du mir!
Vater! Du mußt ja zum Kinde Dich neigen,
Vater im Himmel! es rufet zu Dir!

Adele Schopenhauer: Dein Wille geschehe! - Doch was ist dein Wille?

Dein Wille geschehe! - Doch was ist dein Wille?
Dein heilig Reich komme - doch wo naht es sich?
Ich ruf's durch die Welt; doch in ewiger Stille
Verbreitet sich Schweigen und Grausen um mich.

Dich such' ich im Himmel, auf Erden, im Herzen,
Doch Vater, Allew'ger, ach wo find' ich Licht?
Dich faßt' ich in Wonnen, Dich faßt' ich in Schmerzen,
Nun irr' ich im Dunkel und fasse Dich nicht.

Und bin ich ein Geist denn, und hat ewig Leben
Dein Athem dem Kind in die Seele gehaucht,
So muß deine Liebe dort Antwort mir geben,
Weil hier meine Liebe die Antwort gebraucht.

Adele Schopenhauer: Adler sind meine Gedanken! (1826.)

Adler sind meine Gedanken!
Flattern hoch in der Lüfte blaulichem Meer.
Adler der Lüfte sind meine Gedanken.
Fassen die Beute so hoch und hehr.
Aber das Opfer, so grausam zerrissen,
Fliehendes Leben verkündend im Schmerz -
Mußt' es verhehlend am Ende doch wissen:
Daß es das eigne verblutende Herz.

Schwäne sind meine Gefühle!
Theilen still jener Tiefe wogende Nacht!
Singende Schwäne sind meine Gefühle,
Singen der Sonne verheerende Pracht.
Aber die Gluthen, die sie beweinen,
Lieblich umhüllend in Tönen ihr Grab,
Ziehen verglimmend in zögerndem Scheinen
Schwäne und Töne zur Tiefe hinab.

Adele Schopenhauer: Ich hatte eine Rose im Fluß schwimmen sehen

Stille, nur stille mein Herz!
Ist eine Zeit gewesen,
Da war die Welt so farbenhell!
Da konntest vom Schmerz du genesen.
Da schritten die Tage wie Riesen schnell
Über die Klippen und Höhen des Lebens. -
Da waren die Nächte so sternenhell! -
All das Erinnern vergebens, vergebens!
Stille, nur stille mein Herz! -
- Und weil ich Dein stilles Auge nicht sah,
Konnt' ich nicht mehr den Frieden mir denken,
Und da nun dein Abschied dem Herzen so nah,
Konnte nichts mehr die Zukunft mir schenken.
Wie jene Rose im Flusse daher,
War blühend das Glück mir gekommen,
Und auf den Wellen im Zeitenmeer
War's plötzlich vorübergeschwommen.
- Sah so zerrinnen die rosige Pracht,
Wollte mein Herz überzeugen,
Daß nur die Welle die Blüthe gebracht,
Daß sie den Fluthen nicht eigen. -
Weh mir! ich suche das Ufer noch,
Dem wohl die Rosen entblühen!
Wellen der Tage! ich suche es noch -
Doch hab' den Raub ich verziehen.
Wer brach die Rose? wie nahm sie der Fluß?
Erreicht sie denn nimmer mein Wille?
Da sie dem Strome nun folgen muß,
O endlich, mein Herz, werde stille!

Adele Schopenhauer: Unter den hellen nickenden Blüthen (1828.)

Unter den hellen nickenden Blüthen
Da möcht' ich liegen - und träumen!
Wie Englein den Schlaf mir behüten,
All meine Wolken mit Golde umsäumen,
Erwecke mich nicht!
Ich bin so müde!

Und wie die Winde leise hinwehen -
Wie heimlich die Vögelein singen -
Wie sie mich alle zu lieben verstehen,
Friede und Schlummer mir bringen,
Störe sie nicht!
Ich bin so müde!

Und dann dringt mir das Leben so grell hinein,
Und die Menschen, sie rennen und jagen,
Sie vertreiben mir grausam den goldnen Schein
Und erfüllen die Luft mir mit Klagen -
Und fallen alle das Herz mir an,
Daß ich vor Thränen nicht sagen kann:
Wie bin ich müde!

Adele Schopenhauer: An Sibylle Mertens (1829.)

Wie der Himmel sich im Meere spiegelt,
Seinen Glanz ihm leiht, sein Lichtbewegen,
Seine Wogen farbenhell beflügelt,
Daß sie grundentfliehend leicht sich regen:
Also ist mein Außenseyn und Leben
Reges Bild der Kraft, die Du gegeben.

In der Tiefe - wo die Wasser quellen,
Raset stumm die Macht, noch ungezügelt,
Grimme Feinde lauern unter Wellen -
Hat das Schweigen auch mein Wort besiegelt,
Tief im Innern, wo sich Schmerzen regen,
Ist im Herzen stets die Qual zugegen.

Adele Schopenhauer: Wie eine Blume der Sturm hat Kummer das Herz mir entblättert (1831.)


Wie eine Blume der Sturm hat Kummer das Herz mir entblättert,
Und das zerrißne Gefühl flattert nun irrend umher.

Ist's doch noch lange nicht Herbst, wohin ihr verwehenden Blüthen?
Fruchtlos verödender Stamm, wurzelst umsonst du so fest?

Räthselhaft-leidiger Gram! Suchst du den Lenz oder Winter;
Liebesglück, tödtende Ruh, beide vermissend zugleich?

Lehrt dich nicht rings die Natur den Kreislauf der Zeiten erkennen,
Daß du, zu frühe erstarrt, träumend des Frühlings gedenkst?

Adele Schopenhauer: Ihr Bild

Augen, die zu schlafen scheinen,
Zwischen Träumen, zwischen Weinen,
Um in plötzlichem Erwachen
Morgenklar Dich anzulachen;
Lippen, wie des Schweigens Schwelle,
Dem gefangnen Seufzer wehrend,
Plötzlich dann in Frühlingshelle
Lieb' und Leidenschaft verklärend;
Stirn, so schneeig rein und klar,
Wie das Eis der Heimath war.
Mit dem goldig hellen Bogen
Diesen Lebensquell umzogen,
Den der Wimper zarte Schatten,
Hier und da zur Dämmrung matten;
Fluthet Anmuth auf und nieder,
Allbelebend Gang und Wesen,
Kannst im Spiel der schlanken Glieder
Allahs Schöpferwort Du lesen
Wie im ersten Weltenjahr,
Als die Erde Eden war.

Adele Schopenhauer: An Ihn


Ich athme Deinen Namen nicht!
Kein Hauch verräth mein zitternd Herz,
In seinen Adern wühlt der Schmerz,
Geheimer Qualen glühend Erz,
In tiefstem Schacht - doch fern dem Licht!

Ich klag' um meine Liebe nicht!
Sie brach in's Leben ungesucht:
Der Lava Strom trägt reiche Frucht,
Doch der Verheerung wehrt nicht Flucht:
Gewaltsam seine Bahn er bricht!

Ich frage nach dem Ende nicht!
Dein Glück und Elend sei mein Loos;
Aus der Zerstörung dunklem Schooß
Ringt sich der Keim der Blüthe los,
Ich frage nach dem Ende nicht -
Was hilfts, daß man vom Tode spricht!

Adele Schopenhauer: Lied

O nur kein Wort, kaum ein Gedanke!
Es spielt im Rosenkelch die Luft,
Es träumt der Schmetterling im Duft,
Der Abendhauch im matten Glanze;
Es winkt verschwiegen dir die Ranke,
Lockt in den Zauber dich hinein -
O nur kein Wort, kaum ein Gedanke! -

Da bricht ein Strahl die Wunderstille!
Wie all-lebendig Wald und Welt!
Nun spricht dein Herz, nun ruft das Feld;
Es schwirrt und summt um jede Pflanze;
Der Glutmoment warf ab die Hülle,
Aufblitzt der grelle Sonnenschein! -
Wo blieben Zauber, Traum und Stille?

Adele Schopenhauer: Wende die Blicke von mir!

Wende die Blicke von mir! O laß Deine Schönheit nicht fragen:
Ob ich die Sonne gekannt? ob nie ihr Strahl mich berührt?
Laß dieses dämmernde Licht, genug, um den Pfad zu erkennen,
Tag und Aurora mir seyn; frage auch schweigend mich nicht!
Ach, Deine Jugend entzückt, indem sie die Öde beseeligt,
Zu allgefährlichem Rausch - scheuchet Dämonen mir auf!
Träume umängsten den Sinn, von lang schon entflohenen Tagen,
Voller Leben und Glanz, voll auch von ätzender Pein.
Ruhe ward mir ja längst, ich lebe beglückend und glücklich,
Scherze mit Liebchen und Kind, walte in Garten und Haus;
Wär' ich noch, was ich sonst war! verstünd' es, die Strahlen zu fassen,
Zündete Phöbus den Heerd, den die Penaten geschmückt,
Wäre befriedigt mein Herz, noch was es im Kampfe gewesen,
Rede stünd' ich Dir dann, dürfte ins Auge Dir sehn!
Schleiche Dich leise hinweg, mit lichtumschimmerten Sohlen
Bring' in die Ferne das Glück, das Deiner Anmuth entströmt,
Bringe der Grazien Traum zu weit entlegenen Zonen,
Ströme in Thränen dahin, wenn Deine Wonne zerbricht;
Dürft' ich in rasendem Schmerz noch einmal die Wollust empfinden,
Welten und Menschen zum Trotz kindisch und selig zu seyn!
Wär' ich secundenlang ich und träumte von ewiger Dauer,
Böt' ich nicht Ruhe und Glück einer Minute zum Kauf?

Adele Schopenhauer: Weihnachten wird es für die Welt!

Weihnachten wird es für die Welt!
Mir aber - ist mein Lenz bestellt,
Mir ging in solcher Jahresnacht
Einst leuchtend auf der Liebe Pracht!
Und an der Kindheit Weihnachtsbaum
Stand Englein gleich der erste Traum!
Und aus dem eiskrystall'nen Schooß
Rang sich die erste Blüte los -
Seitdem schau' ich nun jedes Jahr
Nicht was noch ist - nur was einst war!

Adele Schopenhauer: Capella

Zur Capella aufwärts schauen
Muß ich oft in stiller Nacht,
Ihr den lieben Gram vertrauen,
Der mich oft so selig macht.

Und an der geweihten Stelle
Bricht der Sehnsucht wilder Schmerz,
Und der weite Himmel wird Capelle
Für mein stille betend Herz.

Täglich muß ich Dein gedenken,
Einz'ger Freund, so ernst und mild;
Alle Lebensstrahlen senken
Sich zur Glorie, Deinem Bild.

Doch vor Allem, was zu gleichen
Deinem Wesen oft mir scheint,
Will ein Bild mir nimmer weichen,
Das dem Ernst das Milde eint.

Waldesgrün, von Sonnenstrahlen
Hell durchwoben, grünend Licht,
Scheinen Dich mir stets zu malen,
Wenn Gefühl durchs Lächeln bricht.

Adele Schopenhauer: An Ottilie

Ich habe gelebt! ich habe geliebt!
Ich habe mich innig gefreut und betrübt,
Mir manchen Kranz keck auf die Stirne gedrückt
Und der Lebensblüthen gar viele gepflückt -
Und am Ende erwacht' ich - wie Alle erwachen!

Und es war Sturm, und es war Nacht!
Und die Jugend zu Ende, noch eh' ich's gedacht!
Mancher Rose Dorn war im Herzen geblieben
Von zu kühner Wagniß im Brechen getrieben -
Und ich mußte mich selber im Weinen belachen.

Und nun stand ich allein auf des Lebens Höh',
Überblickte des Lebens Gaben
Und betrachtete kalt das eigene Weh -
Wollte nichts hier mehr wünschen, noch haben.
- Da brach durch die Nebel ein Sonnenstrahl,
Und mein Blick traf auf Deine Gestalt!
Und Leben und Lieben war wieder mir Wahl,
Rasch vernichtet des Bösen Gewalt.

Ich habe geliebt! am meisten Dich!
Gelebt und gelitten - In Dir und für Dich!
Und in Dir umgiebt noch die Jugend mich,
Kühn gewonnen hab' ich des Lebens Spiel:
Du standest am Anfang, Dich find' Ich am Ziel

Adele Schopenhauer: Als ich eines Abends traurig nach Hause kehrend (1822.)

Bruchstücke

Mir ist, als hab' eine frevelnde Lippe
Das allerheiligste Wort mir genannt -
Oder als ständ' ich hoch auf der Klippe
Und schaut' in den Abgrund hinab, unverwandt!
Und lieblich rief leis eine Stimme: Zurücke!
Doch fest sei mein Blick in die Tiefe gebannt!
Und mit dem Bewußtsein, als schied ich vom Glücke,
Verharrt' ich gefesselt am schwindelnden Rand!
Und mit unendlich tiefem Sehnen
Blick' ich hinab in den tiefen Schacht,
Es fließen heiß hinab meine Thränen,
All' mein Bewußtsein umfangen in Nacht.

Mir ist, als sei ich ein Kreuzes-Ritter
Und zöge zum Siege wohl in den Streit,
Und über mir rollten Ungewitter,
Und unter mir rollten die Wellen der Zeit!
Und um mich grünten des Lorbeers Zweige
Und rosige Knospen, zum Blühen bereit -
Und wie ich nach diesem, nach jenem mich neige,
So schwänden in Duft sie, mir bliebe nur Leid.
Und mit unendlich tiefem Sehnen
Blick' ich herab auf das Kreuz meiner Brust:
Ein Rosenkranz von hellen Thränen
Sei einziger Preis des Kampfes Lust!